Jörg Gelbke

Manchmal erweckt es den Eindruck als suche Jörg Gelbke nach Details des Verborgenen, um ihrer ungewöhnlichen Fragilität Ausdruck zu verleihen. Dabei tauchen wiederkehrend drei entscheidende Elemente in seinem Schaffensprozess auf: die Orientierung am Menschen, der Zufall und die Zeit sowie Situationen des Poetischen. Gelbke vergräbt und verbrennt gefundenes Material, lässt Ton lufttrocknen, findet Verarbeitungen, die an alchemistische Experimente erinnern und fixiert die Produkte dann in Wachs, Eisen oder andere Metalle. Die 7-Fuß-Erdsäule zum Beispiel, ist eine aus sieben fragilen Eisenelementen zusammengeschweißte Säule, die sich im Raum emporstreckt. Ihre dunkle, gräulich schimmernde Oberfläche ist unregelmäßig und rau. Es sind Risse und Löcher zu sehen, die sich an unterschiedlichen Stellen um das Objekt legen. Dadurch erscheint die, aus dem sehr robusten Material Eisen bestehende, Säule grazil und eines zufälligen und organischen Ursprungs. Dies ist auf den Entstehungsprozess rück zu führen. Jedes einzelne Eisenelement der Skulptur entsteht, indem Jörg Gelbke sieben PU-Schaum Abdrücke seines Unterarms in Erde vergräbt und somit eine Negativform des Abdrucks schafft. Nun kommt es zu einem Moment des Ungewissen, denn Gelbke gießt daraufhin flüssiges Eisen über den vergrabenen PU-Schaum, der komplett von Erde bedeckt ist. Dabei ist kein Eingreifen möglich. Der PU-Schaum wird zerstört und das Eisen übernimmt seine Form wobei nicht selten auch Erdstücke am Metall haften bleiben. Sind alle Teile gegossen, schweißt er alle Teile vertikal übereinander zusammen, sodass eine sieben Fuß messende Säule entsteht. Das in ein immerwährendes Material gegossene Objekt streckt sich nun übermannshoch, scheinbar endlos in die Höhe empor. Dabei ist das Maß der Säule bestimmbar. In Erinnerung daran, dass der Fuß eines Menschen der Länge seines Unterarmes entspricht, misst diese Säule sieben Fuß in ihrer Höhe. Die Maßeinheit Fuß ist eine der ältesten Urmaße der Welt. Im Durchschnitt entspricht sie ca. 28 bis 32 cm und ist somit ein recht ungenaues Maß. Die 7-Fuß-Erdsäule von Jörg Gelbke lässt sich jedoch relativ genau bemessen, da sie auf dem Unterarm Jörg Gelbkes basiert. Der Fokus auf das menschliche Maß ist ein immer wieder kehrendes Thema bei Jörg Gelbkes Arbeiten. Auch bei seiner in sich ruhend wirkenden Serie Der Himmel über… spielt das Maß des Menschen eine ausschlaggebende Rolle. Gelbke legt eine Matte aus Ton (meist im Maß 50 x 185cm) auf ein beliebiges Bodenstück eines innerstädtischen Ortes, drückt sie in den Boden, rollt sie zusammen und brennt sie anschließend. Somit bildet sich die vorgefundene Struktur, wie Unregelmäßigkeiten des Asphalts oder gar Schmutz jeglichen Ursprungs, in den Ton ab und wird durch den späteren Brennvorgang für immer fixiert. Ein Teil der Abdrücke, die wie geometrische Zeichnung anmuten, bleibt sichtbar, ein großer Teil wird jedoch durch das Zusammenrollen verdeckt. Das an der Stelle des Abdrucks gefundene Laub brennt Gelbke zudem zu einer Glasur und gießt diese anschließend über das Objekt. Die Länge der Matte entspricht der Größe des Künstlers. Diese Tatsache und das wissen, dass das Tonstück in Form einer Matte zunächst auf dem Boden ausgerollt wurde, erweckt den Eindruck einer Art zum Liegen zu verwendenden Matratze. Der Titel der Serie leitet zudem die Aufmerksamkeit auf den über der „Matte“ gelegenen Himmel – wie Der Himmel über Paris. Zusammengerollt und aufgestellt im Raum erscheinen die Skulpturen nun als Souvenirs der Erinnerung und erhalten dadurch einen poetischen Moment, der mit der Imagination des Betrachters spielt – ein durchaus wiederkehrendes Element in Jörg Gelbkes Werk. Kommen wir nun zum Zufall und dem Einfluss von Zeit auf Gelbkes Arbeiten. Es ist eine Serie von Abdrücken einer Vierkanteisenstange (o.T., 2014) entstanden, die unterschiedlichen Verarbeitungsprozessen unterzogen wurden. Ein Abdruck jener Eisenstange in Gelatine, gräbt Gelbke beispielsweise für vier Monate in Erde ein und überlässt sie somit dem natürlichen Verfall. Die Reste des Gelatineabdruckes gießt er anschließend in Bronze. Spuren der Vergänglichkeit manifestieren sich somit im fortwährenden Material. Die Bronzestange wird aufrechtstehend, scheinbar unwillkürlich an die Wand lehnend, im Raum präsentiert. Dabei erscheint die ursprüngliche Form der Vierkant-Eisenstange, die im Übrigen der Größe des Künstlers entspricht, fast gänzlich aufgelöst. Vielmehr findet eine Transformation von industrieller Geformtheit zu einem Objekt, dem Organischen entsprungen, statt. Eine andere Skulptur der Serie ist ein Abdruck der zuvor erwähnten Vierkanteisenstange in Ton. Jenen Abdruck lässt Gelbke daraufhin einige Zeit an der Luft trocknen, wobei sich feine Linien und Risse horizontal in den Ton einschreiben. Nach dieser Trocknung gießt Gelbke das Ergebnis wieder in Bronze. Auch diese Skulptur wird an die Wand gelehnt und zeigt die Spuren der Zeit. Sowohl das Überlassen des Gelatineabdrucks der Alterung in Erde als auch das an der Luft Trocknen des Tonabdrucks zeigen, dass der Zufall und der zeitliche Fortlauf im künstlerischen Prozess Jörg Gelbkes eine entscheidende Rolle spielen. Dabei gibt Jörg Gelbke vollständig die Möglichkeit des Eingriffs zugunsten eines natürlichen Verfalls auf. Die Vergänglichkeit der Dinge wird zur sublimen Entität und durch das Gießen in Bronze in Ewigkeit fixiert. Ab einem bestimmten Zeitpunkt im Arbeitsprozess formt Jörg Gelbke das Objekt also nicht selbst, sondern überlässt anderen „Kräften“ den bildnerischen Fortgang. Der Zufall und die Zeit werden somit zu einem wichtigen Element seiner Arbeiten. Dabei ist sein Umgang mit Material außergewöhnlich und vielseitig. Es sind Momente im bildhauerischen Prozess, in denen Jörg Gelbke fast vollständig die Möglichkeit zum Eingriff aufgibt. Das anschließende Fixieren der teilweise zufällig entstandenen Objekte, hält die Spuren der Vergänglichkeit in unterschiedlichen beinah immerwährenden Materialien fest. Aber auch das Maß des Menschen ist ein weiterer wichtiger Teil Jörg Gelbkes Schaffen. Unter Verwendung seiner eigenen Körpermaße als Einheit sind Arbeiten entstanden, die das Verhältnis von Mensch und Umgebung ausloten. Poetische Situationen werden geschaffen, durch beispielsweise Hinweise in den Titeln der Arbeiten, die mit der Vorstellung des Betrachters spielen und die Idee eines Ortes, eines Momentes oder eines Gedankens implementieren. Die Schönheit der Fragilität des Verborgenen erscheint greifbar nah.

 

Maria Tanbourgi,